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Ohne die Psyche bewegt sich nichts (von Paula Lanfranconi)
Dicke sind bloss willensschwach, heisst es. Falsch! Bei der Behandlung von stark übergewichtigen Menschen hilft das "Lasterkonzept" nicht weiter.
Begonnen hatte es in der dritten Klasse. 75 Kilo wog Ayshe C.* damals. Sie hatte Heimweh nach der Türkei. Die Eltern arbeiteten den ganzen Tag, das Kind tröstete sich mit Schoggi. Dann, in der Kinderklinik, gabs Diät. Nach drei Wochen entliess man Ayshe: Du musst daheim einfach weniger essen, hiess es.
Es funktionierte nicht. Ayshe wurde immer dicker. Eine über 30-jährige Odyssee begann. "Alle zwei Jahre", erinnert sich die inzwischen 40-Jährige, "machte ich einen Neustart." Die Ärzte drückten ihr Diätlisten in die Hand, doch die nächste Essattacke liess nicht lange auf sich warten. Im Geiste hörte Ayshe bereits die verletzenden Bemerkungen des Arztes. Sie ging gar nicht mehr hin.
Beim zehnten Arzt, Ayshe wog 160 Kilo, sei es anders gewesen: "Er schaute mich als Mensch an, wollte wissen, wie ich lebe." Da sei ihr bewusst geworden, dass sie quasi unter Hausarrest stehe. Bloss arbeitete, aber nie ausging, weil sie längst in keinen Stuhl mehr passte. Nun war sie bereit, eine Spezialklinik aufzusuchen. Und in einer Gesprächstherapie zu lernen, unangenehmen Gefühlen auf den Grund zu gehen, statt sie mit Essen zuzudecken.
"Ich fühlte mich stark und merkte: Wenn ich mir helfen will, muss ich meinen Körper akzeptieren." Sie ging zu einem Spezialisten und erfuhr, dass sie unter einer Fettstoffwechselstörung leide. "Wenn ich das früher gewusst hätte, wären mir viele sinnlose Diäten erspart geblieben."
Nächste Etappe war ein Magenband. Drei Jahren später war sie erschöpft vom ständigen Überlegen: Was esse ich jetzt? und liess sich doch einen Magen-Bypass machen - eine nicht ungefährliche Operation, bei welcher der Magen massiv verkleinert und Teile des Dünndarms umgangen werden. Jetzt, sagt sie, könne sie sich normal satt essen. "Ein super Gefühl!"
Fast die Hälfte der Männer
Die Odyssee zeigt, dass in der Therapie von Übergewichtigen viel schief läuft. Die meisten kommen ohnehin nie in eine Therapie. Wie sollten sie auch - Adipositas tut nicht weh. Spürbar werden erst Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, hohes Cholesterin, aber auch bestimmte Krebsarten. Fast drei Milliarden Franken wendete die Schweiz letztes Jahr dafür auf. Bereits sind 30 Prozent der Frauen und 45 Prozent der Männer übergewichtig.
Lange sah man Adipositas als Laster. Heute indes ist klar: Die ausgeklügeltsten Ernährungs- und Bewegungsstrategien laufen ins Leere, wenn man die Psyche ausser Acht lässt. "Eine Übergewichtskarriere beginnt oft mit Essstörungen, die stark von negativen emotionalen Zuständen wie Depression, Minderwertigkeitsgefühlen oder erhöhter Ärgerbereitschaft beeinflusst werden", sagt Kurt Laederach-Hofmann, Spezialist für Essstörungen am Inselspital Bern.
Fast die Hälfte aller Übergewichtigen mit einem BMI über 30 leidet unter Depressionen oder Ängsten. Viele setzen sich zu hohe Ziele und brechen konventionelle Therapien mit Ernährungsberatung und Bewegungsinstruktion vorzeitig ab. Der Erfolg solcher Programme ist bescheiden: Nur gerade fünf bis zehn Prozent der Teilnehmenden gelingt es, maximal zehn Prozent abzunehmen und dieses Gewicht mindestens zwei Jahre zu bewahren.
Die Krux liegt beim Durchhalten. Faktoren, die eine nachhaltige Gewichtsreduktion begünstigen, sind fettarmes Essen, häufige Eigenkontrolle von Gewicht und Essverhalten, viel körperliche Aktivität sowie langfristige therapeutische Begleitung. Aber, relativierte ein Spezialist im "New England Journal of Medicine" kürzlich: Heutige Therapien gegen Übergewicht seien "inadäquat", denn es bleibe "unsicher", wie man die Patienten dazu bringen könne, den veränderten Lebensstil beizubehalten (Bd. 358, S. 1941).
"Angst vor Übergewichtigen"
Viele Therapeuten tun sich schwer mit krankhaft dicken Patienten. Statt fürsorglich-unterstützend sei die Beziehung oft konfrontativ-fordernd: "Man hat Angst v o r stark Übergewichtigen, aber man hat kaum Angst um sie - zu Unrecht", sagte Hanspeter Flury, Chefarzt der Klinik Schützen kürzlich an einer gut besuchten Fortbildung der Schweizerischen Akademie für Psychosomatische und Psychosoziale Medizin in Rheinfelden.
Die Patienten andererseits fühlen sich häufig unverstanden: Vom Therapeuten, für den - so vermuten sie - sowieso nur die Waage im Vordergrund stehe. Aber sie erleben auch ihr eigenes Verhalten als widersprüchlich. "Viele Übergewichtige", sagt Flury, "können sich schlecht abgrenzen, einige sind absolute Dienstleister, Familienfrauen zum Beispiel, die nur für die anderen da sind - eine Art Selbstbedienungsladen ohne Kasse." Da könne übermässiges Essen Selbsttröstung sein.
Doch was hilft den Patienten, dranzubleiben? Es sei höchste Zeit, das Laster- und Willenskonzept zu entsorgen, sagt Flury: "Wir müssen wegkommen von der Einengung auf das Gewichtsthema, hin zu einem umfassenden Motivations- und Krankheitskonzept." Konkret: Den Patienten ein interessierter, wertschätzender Gesprächspartner sein. Nachfassend, ohne zu bedrängen, weder bagatellisierend noch pathologisierend.
Wie gehen sie im Alltag mit sich um? Welche psychosozialen Belastungen und emotionalen Konflikte stehen dahinter, wenn jemand nachts zum Kühlschrank geht und in einer Viertelstunde 7000 Kalorien verschlingt? Den Betroffenen vielfältige Mittel an die Hand geben: das Führen eines Esstagebuches beispielsweise, Körpertherapien, Entspannungsmethoden. Ihnen ermöglichen, ihre Befindlichkeit mehr und mehr wahrzunehmen und mit Belastungen besser umzugehen.
Mut machen, kleine Erfolge feiern
Und vor allem: Immer wieder Mut machen. Auch kleine Erfolge feiern, denn bereits zehn Prozent weniger Gewicht reduzieren die medizinischen Risiken deutlich. Schnelles Abnehmen dagegen führt meistens zum Jojo-Effekt. Der kann gefährlich sein, denn grössere Gewichtsschwankungen belasten das Herz-Kreislauf-System.
Für sehr stark Übergewichtige kann, als letzte Möglichkeit, ein Magenband oder ein Magen-Bypass hilfreich sein, allerdings erst nach gründlicher Abklärung. Das Wichtigste aber ist die Prävention. "Und zwar so früh wie möglich, in Elternkursen, im Kindergarten", sagt Barbara Buddeberg-Fischer, Professorin für Psychosoziale Medizin am Uni-Spital Zürich. Dafür ist es höchste Zeit: Bereits ist in der Schweiz jedes dritte Kind übergewichtig.
Ayshe C. wiegt heute 100 Kilo, bei 160 cm Körpergrösse. Sie wirkt vital, fährt Tram, getraut sich sogar ins Schwimmbad. "Aber", relativiert sie, "ich bin auch nach 30 Jahren auf der Suche nach meinem richtigen Gewicht."
* Name von der Redaktion geändert www.netzwerk-essstoerungen.ch [TA | 11.06.2008]
Hypnose kann in vielen solchen Fällen nachhaltig helfen. Erkundigen Sie sich beim Hypnosetherapeuten Ihrer Wahl.



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